Mord am Fluss

Der Regen prasselte auf den Asphaltboden und in den mächtigen Fluss unter mir. Ich stand am Geländer einer aus Stahl gebauten Brücke, die über den Fluss führte. Mein Blick streifte über das eine Ufer und das, was ich sah, fand ich schön. Bäume knarzten im Wind und Blätter fielen in den Fluss. Ein typisches Wetter, dachte ich mir.

Doch als ich das sah, was ich sah, stockte mein Atem. Da auf der durchweichten Erde packte ein Mann in einem schwarzen Anorak eine junge Frau am Hals. Als die Frau dann umfiel, verfärbte sich ihre rote Weste in ein schmutziges Braun. Der Mörder kickte das Opfer mit seinem Schuh ins Wasser. Wellen schwappten um die Füße des Täters, als die letzten Blasen auf der Wasseroberfläche geplatzt waren.

Ich wusste, dass der Fluss an der tiefsten Stelle zwölf Meter tief war, und ich hoffte, dass das nicht die tiefste Stelle wäre. Ich blickte mich um, ob jemand den Vorfall beobachtete, doch die Menschen starrten nur auf ihr Handy. Schnell schaute ich, wo der Täter war. Er lief in hastigen Schritten zum Gehsteig. Ich überlegte nicht lange und preschte zu dem Mann. Dabei rempelte ich ungefähr 50 Menschen an. Oh Verzeihung, murmelte ich dann.

Gerade ging der Mann in schnellen Schritten über den Zebrastreifen. Meine Lungen brannten, als ich ihn endlich in sicherem Abstand eingeholt hatte. Nun versuchte ich mich unauffällig unter die Menge zu schmuggeln. Er bog in eine kleine Seitengasse ein und ich folgte ihm. Als ich um die Ecke kam, drückte mir der Mörder plötzlich den Lauf eines Revolvers auf den Hals. Panisch schrie ich auf. Doch der Mann sagte mit einer mürrischen Stimme: „Klappe, sonst knallt’s.“ Natürlich hörte ich auf zu schreien.

Der Täter bugsierte mich durch eine offene Holztür und schloss sie hinter uns. Keiner hatte das Schauspiel bemerkt. Der kaltblütige Mörder brüllte jetzt: „Tom, komm mal her, hier ist ein Schnüffler!“ Ein junger Mann kam aus dem Schatten mit blasser Haut und kalten, eisblauen Augen. Er packte mich am Kragen und warf mich in eine dunkle Kammer. Ich hörte noch, dass ein Schlüssel im Loch umgedreht wurde, dann hörte ich lange Zeit nichts mehr. Mir lief ein eiskalter Schauer über den Rücken. Ich dachte daran, was ich heute eigentlich vorhatte. Ich wollte mich mit meinem Schulkollegen treffen. Und ich dachte daran, dass sich meine Familie Sorgen machen würde.

Ich roch nicht viel, nur ein modriger Geruch hing in der Luft. Zum ersten Mal hatte auch ich Angst. Ich hörte, dass eine Tür geöffnet und geschlossen wurde. Doch jetzt wurde meine Tür geöffnet und Tom erschien. Er sagte: „Mitkommen!“ Und natürlich kam ich mit. Wir gingen zusammen auf die gottverlassene Straße. Ich wusste gar nicht, wie mir geschah, und ich rannte los. Ich war schon immer ein guter Streckenläufer gewesen und darum rannte ich los. Tom hinter mir brüllte: „Bleib stehen!“

Nach einer Weile hatte ich das Gefühl, ihn abgehängt zu haben und riskierte einen Blick nach hinten. Nirgends war Tom zu sehen. Als ich wieder nach vorne schaute, stockte mein Atem. Vor mir stand der Mörder. Er schoss. Er verfehlte mich. Plötzlich packte mich ein Mann und zog mich weg. Ein anderer Mann schlug den Mörder nieder und ich wurde ins Haus gezogen und mir fielen vor Erschöpfung die Augen zu.

Als ich aufwachte, beugte sich mein Retter mit sorgenvollem Gesicht über mich. Kurz darauf sagt er: „Du hast viel erlebt. Es wird Zeit, dass du aufgeklärt wirst über das, was du gesehen hast. Also, die Frau, die Bill umgebracht hat, war meine Schwester.“ Er sprach mit Kummer weiter. „Warum er sie umgebracht hat, fragst du dich? Na ja, mein Vater hat Bill betrogen. Ich weiß nicht genau, bei was, aber Bill ist völlig ausgerastet. Er wollte Rache nehmen bei jedem in unserer Familie. Du musst wissen, meine Mutter ist schon tot. Mein Vater hatte Angst um sein Leben und ist nach Amerika geflohen. Bill war so verrückt, dass er ihm folgte. Ich habe keine Ahnung, was aus meinem Vater geworden ist. Aber Bill ist zurückgekommen.“ Er seufzte tief. „Die Polizei konnte seinen Kumpanen Tom fangen, aber Bill konnte entkommen.“

Ich sprang aus dem Bett. „Den hol ich mir!“ schrie ich und spürte viel Zorn in mir.

„Beruhige dich“, sagte mein Retter.

Doch so leicht war ich nicht zu bremsen. „Wo ist er hin?“, fragte ich.

„Er ist mit dem Boot geflohen, die Polizei verfolgt ihn schon.“

„Ich auch“, murmelte ich.

„Na gut, na gut“ erwiderte mein Retter, „ich habe auch ein Motorboot, damit können wir ihm folgen.“

„Na dann los“, erwiderte ich. Kurz darauf setzte ich mich auf die schneeweiße Hinterbank des Motorbootes und der Mann fuhr los.

Der Motor und die Geräusche der Wellen übertönten fast das, was mein Retter brüllte. „Ich heiße übrigens Alex.“ Dann sagten wir nichts mehr. Nach kurzer Zeit sahen wir endlich zwei schwarze Punkte am Horizont. Langsam sahen wir Genaueres. Die Polizei verfolgte ein rabenschwarzes Boot. Unser Boot war schneller als das der Polizei und das des Täters. Wir überholten das Polizeiboot und düsten auf das Boot des Mörders zu.

Die Augen des Mannes weiteten sich, als er mich und Alex sah. Er legte nochmal einen Zahn zu und Gischt spritzte in mein Gesicht. Als unser Boot parallel mit dem des Täters stand, reagierte Alex blitzschnell. Er schrie mir zu: „Nimm du das Steuerrad!“. Mit diesen Worten sprang er auf das andere Boot. Ich schnappte mir das Steuerrad. Das schwarze Boot fuhr einen gefährlichen Zickzackkurs. Was für ein heftiger Kampf, dachte ich. Doch dann richtete Alex sich triumphierend auf. Neben ihm hockte Bill in ein altes Fischernetz gewickelt. Das Polizeiboot kam jetzt auch näher und ein Polizist sagte: „Geschafft!“

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